„Du verwöhnst Dein Baby noch mit dem Tragen!“,

„Kriegt es überhaupt Luft?“,

„So lernt es doch nie, alleine zu laufen!“,

„Das ist doch total kompliziert, so ein langes Tuch zu binden…“,

„Tragen ist mir zu öko…“,

„Ich kriege davon immer Rückenschmerzen!“

„…“

So oder so ähnlich klingen viele Vorurteile über das Tragen – und damit möchte ich hier gerne mal aufräumen!

Das Tragen eines Säuglings und Kleinkindes hat aus evolutionärer Sicht immer schon sehr viel Sinn gemacht – denn von Mutter oder Vater getrennt zu sein, war lebensgefährlich für die Kleinen! Wir können also davon ausgehen, dass es schon in der frühen Menschheitsgeschichte erste „Tragehilfen“ gegeben hat.

Auch wenn wir uns einen Säugling genauer ansehen, spricht viel dafür, dass der Mensch ein „Tragling“ ist: Säuglinge haben einen gerundeten Rücken, einen angeborenen Greifreflex und ziehen beim Hochnehmen automatisch die Beine in die Spreiz-Anhock-Haltung, die ideal ist, um am Körper getragen zu werden.

Babys und Kleinkinder werden auch heute noch in vielen Kulturen traditionell und selbstverständlich den ganzen Tag am Körper getragen.


Im Zeitalter der Hightech-Kinderwagen, Autositze und sonstigen Babyausstattungen ist es natürlich in der westlichen Welt nicht mehr lebensnotwendig, sein Baby zu tragen, aber es hat doch viele Vorteile, die ich Euch hier mal zusammengestellt habe:

Mein Lieblingsherzensthema: Die Bindung und Beziehung zwischen Mutter / Vater und Kind kann durch das Tragen gestärkt werden.

Es ist eine besonders innige gemeinsame Erfahrung von Nähe und Geborgenheit, die das Baby und seine Eltern in der Regel sehr genießen und die die Bindung und den Beziehungsaufbau von Anfang an sehr positiv beeinflusst. Dieser Aspekt ist auch für die Papas wichtig, die ja naturgemäß von all den Erfahrungen wie Schwangerschaft, Geburt und Stillen ausgeschlossen sind. Beim Tragen haben sie die schöne Gelegenheit, auch die körperliche Nähe zum Baby genießen zu können und so ihre Vater-Kind-Bindung zu stärken.

Auch das Bonding, also der ganz frühe und so wichtige emotionale Bindungs- und Beziehungsaufbau zwischen Eltern und Kind, kann durch das Tragen am Körper unterstützt und sogar nachgeholt werden.

Bonding ist der erste zarte Bindungsaufbau nach der Geburt und so wichtig für das Neugeborene, um gut auf der Welt anzukommen und sich an seine Mama und seinen Papa zu binden. Komplikationen unter der Geburt, Frühgeburt mit anschließendem Klinikaufenthalt, postpartale Depressionen der Mutter, die Aufnahme eines Adoptiv- oder Pflegekindes – es gibt manchmal Bedingungen, die das Bonding erschweren können und es nicht oder verspätet stattfindet. Hier kann Tragen eine wichtige Rolle spielen, um den Bindungsaufbau durch Nähe und Körperkontakt zu stärken und das Bonding sozusagen nachzuholen.

Babys, die getragen werden, schreien statistisch gesehen deutlich weniger als nicht getragene Babys und sind insgesamt ausgeglichener.

Das liegt einerseits an den vertrauten, beruhigenden Bewegungen, die das Baby noch aus der Zeit im Mutterleib kennt.Andererseits können Eltern die Bedürfnisse und Signale ihres Kindes durch die körperliche Nähe oft viel besser wahrnehmen und deuten und dann auch schneller darauf reagieren. Die (nonverbale) Kommunikation zwischen Eltern und Kind wird dadurch gefördert und das Baby muss sich seltener durch Schreien ausdrücken – das hat wiederum einen positiven, stressreduzierenden Effekt auf die Eltern.

Auch im Bereich der körperlichen Entwicklung gibt es viele Vorteile:

Die Körpermotorik und der Gleichgewichtssinn werden ebenso gefördert wie die Wahrnehmung und die emotionale Entwicklung. Das liegt daran, dass das Baby alle Bewegungen mitmacht und ausgleicht und dass es bei allen Aktivitäten immer dabei ist. Bei anatomisch korrektem Tragen kann sich auch Babys Hüfte gut entwickeln und zudem einem abgeflachten oder schiefen Kopf vorgebeugt werden, da das Baby nicht so viel liegt.

Machen wir uns nichts vor – das Tragen des Babys hat auch einfach viele praktische Vorteile!

In manchen Phasen „schleppt“ man den kleinen Menschen ohnehin ständig durch die Gegend und dann kann man es doch auch gleich so tun, dass es rückenfreundlich ist und man die Hände frei hat für die all die Herausforderungen des Alltags! Auch bei älteren Geschwistern ist das Tragen des Babys oft Gold wert, z.B. auf dem Spielplatz, im Straßenverkehr…

Viele Vorurteile oder vermeintliche Nachteile, die gegen das Tragen sprechen, haben sich übrigens nicht bewahrheitet:

*Babys können durch Nähe, Geborgenheit und eine sichere Bindung nicht verwöhnt werden. Das Gegenteil ist der Fall: sie werden gestärkt und können sich aus dieser Sicherheit heraus optimal entwickeln!

*Auch Rückenschmerzen können mit einem gut gebundenen Tuch oder einer optimal eingestellten Trage sogar verhindert werden – da man das Kind eng am Körper trägt und den Rücken somit entlastet!

*Tragen ist auch längst nicht mehr „öko“, sondern ein richtiger Trend geworden, mit einer riesigen Auswahl an Stoffen, Farben, Mustern und Zubehör!

*Und kompliziert ist es eigentlich auch nicht – nur eine Frage der Übung…

Ihr seht, das Tragen Eures Babys bietet so viele Vorteile und ich möchte jede Mama und jeden Papa ermutigen, es auszuprobieren! Dabei spielt es keine Rolle, ob Ihr Euch für ein Tragetuch oder eine Tragehilfe entscheidet und auch der Geldbeutel ist nicht entscheidend: es gibt so viele unterschiedliche Modelle in allen Preiskategorien und auch gebrauchte Tragehilfen und -tücher sind eine gute Alternative.

Viel Freude beim Tragen wünsche ich Euch!

Eure Eva